Das "Königsgrab" von Seddin

Allgemeines

Das „Königsgrab“ gilt als die bedeutendste Grabanlage des 9. Jh. vor Christus im nördlichen Mitteleuropa. Seine enorme Größe, die besondere Konstruktion des Grabhügels, die große steinerne Grabkammer mit Lehmverputz und Bemalung spiegeln gemeinsam mit der reichen Grabausstattung die Existenz einer jungbronzezeitlichen Elite in der Prignitz wider. Die Seddiner Oberschicht war in das Netzwerk von Handel und Kommunikation in Europa eingebunden und bestand über mehrere Generationen hinweg. Mit dem „Königsgrab“ erreicht die „Monumentalisierung“ von Grabhügeln ihren Höhepunkt. Das gewaltige Grab und die damit verbundene Ahnenverehrung dokumentieren gemeinsam mit der rituellen Inanspruchnahme der Umgebung die außerordentliche Gestaltungskraft des Seddiner Clans. Seine Anstrengungen und Leistungen dienten dabei wahrscheinlich der Präsentation, dem Ausbau und der Erhaltung von Macht und Herrschaft.

Die heutige Gestalt des Grabhügels mit seinen großen Störungen im Norden ist Ergebnis der Steingewinnungsarbeiten des späten 19. Jahrhunderts. Kurz nach der Entdeckung der Grabkammer im Jahr 1899 wurde der Grabhügel aufgrund seines hervorragenden Zeugniswertes vom Provizialverband Brandenburg (heute Land Brandenburg) angekauft und hergerichtet, Seitdem ist er nahezu unverändert.

Digitales Geländemodell vom Grabhügel und seiner Umgebung (Geobasisrohdaten: © GeoBasis-DE/LGB 2013, DGM: R. Hesse, Grafik: J. May)zoom
 

 

Moderne Forschungen

Seit dem Jahr 2000 wird das Königsgrab und die umgebende Rituallandschaft interdisziplinär durch Archäologen, Geologen, Geophysiker, Geografen, Astronomen, Mathematiker, Meteorologen und Archäobiologen erforscht. Das Ziel besteht darin, ein möglichst umfassendes Bild der jüngsten Bronzezeit und der Region zu erhalten. Untersucht werden sollen nicht nur die archäologischen Funde und Objekte, wie Siedlungen Gräber und Kultplätze, sondern auch deren räumlicher Bezug zueinander. Es ist eine spannende Frage, inwieweit der Seddiner Clan in der Lage war, die Landschaft unter wirtschaftlichen und rituellen Aspekten im Sinne einer „frühen Raumordnung“ zu erschließen, zu gliedern und zu nutzen.

Zahlreiche archäologische Untersuchungen wurden am „Königsgrab“ ab dem Jahr 2000 durchgeführt (blau: 2000-2011, rot: 2012-2014, rote Strichlinie: Grabhügel, schwarze Punktlinie: „Steingrubenreihe“ aus der Zeit des „Königsgrabes“), Kartengrundlage: Th. Hauptmann, J. Jones, Grafik: J. Joneszoom
Studenten bei der Freilegung einer archäologischen Struktur nördlich des „Königsgrabes“ 2014 (Foto: J. May)zoom
 

 

Die Bronzeamphore aus einer regionalen Werkstatt?

Die Überlagerung der Amphoren von Seddin (grau) und Herzberg (rot) nach Vermessung mit dem Laserscanner zeigt unerwartete Übereinstimmungen zwischen beiden Gefäßen,                  Laserscan: LFA Dresden, Thomas Reuter, Animation und Grafikentwurf: Jens May u. Arnim Kühne, Grafik: G. Mattheszoom

Aus der Grabkammer des Königsgrabes sind 41 Objekte überliefert. Das prominenteste unter Ihnen stellt zweifellos die mit umlaufenden Buckelreihen dekorierte bronzene Amphore dar. Vor ihrer letzten Verwendung als Urne diente sie wahrscheinlich als Mischgefäß für alkoholische Getränke bei rituellen Zusammenkünften am Hof der Seddiner Herren. Beim Trinkgelage konnten sich die Gäste dem Himmel ganz nahe fühlen, weil das Dekor der Amphore einen luni-solarer Kalender beinhaltet. Aus ganz Europa sind nur elf derartige Gefäße überliefert, zwei davon allerdings aus dem nordwestlichen Brandenburg. Das „Gegenstück“ zur Seddiner Amphore wurde im Jahre 1991 nur 70 km östlich von Seddin bei Herzberg im Landkreis Ostprignitz-Ruppin entdeckt. Beide Gefäße konnten nun mit einem Laserscanner exakt vermessen werden. Dabei stellte sich ein unerwartet hoher Grad an Übereinstimmungen heraus. Abgesehen vom größten Durchmesser der Gefäße stimmen alle anderen Werte nahezu perfekt überein. Das gilt vor allem für die Buckelreihen und die feine Punzlinien, welche die gleichen Höhenpositionen einnehmen. Vieles spricht dafür, dass beide Stücke vom selben Bronzeschmied (Thoreut) getrieben wurden oder dass sie zumindest aus einer Werkstatt stammen. Bislang wurde die Herstellung dieser Gefäße im heutigen Ungarn bzw. Rumänien vermutet. Gemeinsam mit den berühmten bronzenen Schilden von Herzsprung, Landkreis Ostprignitz-Ruppin, bilden Seddin und Herzberg jedoch eine eigene Fundprovinz. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Werkstatt am Hofe der Seddiner Herren oder in deren engerem Umfeld angesiedelt war.

Die wenigen Amphoren sind von Italien bis Dänemark verbreitet. Die größte Funddichte liegt in Nord-West-Brandenburg. Die Fundorte Seddin und Herzberg befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft, Karte nach A. Jockenhövel (1974) mit Ergänzung  J. May, Grafik Amphoren: A. Hasford, Gesamtgrafik: J. May, G. Mattheszoom
 

 

Die Hügelkonstruktion – eine bautechnische Meisterleistung

Anders als in der östlichen Ägäis, wo der griechische Dichter Homer im 23. und 24. Gesang seiner Illias (Krieg um Troja) eine detaillierte Beschreibung der Errichtung von monumentalen Grabhügeln für die Heroen Patroklos und Hektor vorgenommen hat (Audiodateien), liegen für die Bronzezeit im Norden keine schriftlichen Quellen vor. Hier muss auf die Ergebnisse der modernen archäologischen und naturwissenschaftlichen Untersuchung und Vermessungen zurückgegriffen werden.

Der Seddiner Grabhügel war ursprünglich 9 - 10 m hoch. Seine Grenze bildet an seiner Basis ein umlaufender Kreis aus großen Findlingen mit einem Durchmesser von ca. 61,5 m. Dieser Kreis wurde zuerst errichtet (A). Er umschließt eine Fläche von ca. 3.000 m². Ob der der alte Boden unter dem Grabhügel schon vor dem Bau des Steinkreises vorhanden war, ist noch unklar. Diese alte Oberfläche ist zwischen 910 und 800 v. Chr. entstanden. Währenddessen oder kurz danach wurde die steinerne Grabkammer etwa 9 m südöstlich vom Mittelpunkt des Grabhügels gebaut (B). Ausgehend vom Zentrum erfolgte dann die Überhügelung mit mindesten vier Schichten aus Sand. Die Oberflächen der untersten Schicht (C-Grün) und der vorletzten Schicht (E-Rot) bilden Steinpflaster aus faust bis melonengroßen Steinen. Wahrscheinlich bestand auch die antike Außenhaut des Grabhügels (F-Blau) aus solchen Steinen. Wenn dies zutrifft, wurde der Grabhügel in der Bronzezeit als Steinbauwerk wahrgenommen. Die oberste Steinschicht war Ziel der Steingewinnung im 19. Jahrhundert. Heute ist die alte Oberfläche des Grabhügels mit Humus und Abraum geringfügig abgedeckt (G-Schwarz). Vermutlich handelt es sich bei den einzelnen Schichten um eine Art Bauabschnitt, was auf Unterbrechungen im Bauablauf hindeutet. Dabei dienten die Steinpflaster wohl auch dem Schutz des bis dahin errichteten Hügelkörpers vor Erosion durch Wind und Wasser.

Aufbau des Grabhügels aus Schichten von Sand und Steinen im Schnitt. Die Grabkammer liegt nicht im Zentrum. Die bronzezeitliche Oberfläche bestand wahrscheinlich aus Steinen, Grafikentwurf: Jens May, Grafik: Ralf Opitzzoom
Grabungsschnitt an der südöstlichen Seite des Grabhügels. Freilegung der „blauen“ Steinschicht (Bild unten) und der „roten“ Steinschicht (Bild Mitte) - Foto: J. Mayzoom
 

Der Grabhügel besaß keinen umlaufenden Entnahmegraben. Die beiden Geländevertiefungen nordöstlich und südwestlich des Grabhügels haben für die Bereitstellung der gewaltigen Sandmassen nicht ausgereicht. Woher das Material für die Aufschüttung stammt, ist noch immer unklar.

 

Neues zur Lage des „Königsgrabes“ im Raum und seine Beziehung zu den Gräberfeldern in der umliegenden Landschaft

Nur 53 m nördlich des Königsgrabes verläuft auf ca. 290 m Länge eine Reihe mit ca. 150 steingefüllten Gruben. Etwa 60 dieser Gruben wurden jetzt an der Geländeoberkante lagegetreu so nachgebildet, wie sie dem Archäologen bei der Ausgrabung entgegen treten würden. Zwei Erläuterungstafeln geben im nachgestellten Bereich den gegenwärtigen Kenntnisstand wider. Im laufenden Forschungsprogramm soll geklärt werden, ob zwischen der Grubenreihe und dem Monumentalgrab ein enger inhaltlich-ritueller, zeitlicher und räumlicher Zusammenhang bestand. Dafür liegen einige Anzeichen vor.

Grabhügel und Verlauf der Steingrubenreihe im Luftbild, Foto: J. Wacker, Grafik: K. Richter, uDB/LK Prignitzzoom
 
Ausgrabung und Dokumentation einer Steingrube – sie enthielt 277 kg Steine (Foto: J. May)zoom
Rekonstruktion der Steingrubenreihe an der Erdoberfläche, Foto: K. Richter, uDB/LK Prignitzzoom

 

Die Entfernung vom „Königsgrab“ zum nächsten Hügelgrab beträgt knapp 500 m. Die nächsten größeren Hügelgräber besitzen einen Abstand von etwa 900 m. Ein gleichzeitiges Hügelgräberfeld liegt im Norden in den Wickboldschen Tannen ca. 1 km entfernt. Weiter in nördlicher Richtung schließen sich wie auf einer Perlschnur die Bestattungsplätze von Hohenvier und Tacken in ähnlichen Abständen an. Etwa 1 km südöstlich des Königsgrabs, bereits am jenseitigen Ufer der Stepenitz, ist bei Retzin ein weiteres größeres Hügelgräberfeld zu lokalisieren. Ein direkter Sichtkontakt zwischen den beiden Bestattungsplätzen nördlich und südöstlich des „Königsgrabes“ war wegen des dazwischen liegenden Geländerückens nicht möglich. Genau dort wurde das „Königsgrab“ errichtet, womit die Sichtbeziehung zumindest theoretisch hergestellt war. Auch wenn derzeit noch wenig über bronzezeitliche Raumordnung im Seddiner Gebiet bekannt ist, stellt das „Königsgrab“ als einzelner Grabhügel wahrscheinlich ein monumentales Bindeglied in einer Kette von Hügelgräberfeldern dar. Die bewusste Wahl des Standortes des „Königsgrabes“ an einer hervorragenden Position im Raum kann als ein zusätzliches Merkmal von Monumentalisierung begriffen werden.

Die auffällige Lage des „Königsgrabes“ und der Hügelgräberfelder (Kreise) in der näheren Umgebung geben Hinweise auf frühe Raumordnung, Geobasisrohdaten: © GeoBasis-DE/LGB 2013, DGM: R. Hesse, archäol. Interpretation und Grafikentwurf: J. May, Grafik: R. Hesse und K. Richter, uDB/LK Prignitzzoom

 

Neues zum Archäologischen Park und zum Grabungsschutzgebiet „Siedlungs- und Ritualraum Königsgrab Seddin“

Auf der Grundlage des archäologischen Daten- und Bodendenkmalbestandes zeichnet sich um Umfeld des „Königsgrabes“ ein in jeder Hinsicht besonderer bronzezeitlicher Raum ab. Hier sind nicht nur eine außerordentlich hohe Dichte bekannter und begründet vermuteter Bodendenkmale zu verzeichnen, sondern auch herausragende Potenziale zur Erforschung besonderer menschlicher Daseins- und Organisationsformen am Rande der bronzezeitlichen Hochkulturen. Die reich ausgestatteten Gräber dokumentieren auf eine einmalige Weise die Existenz einer Elite, die sehr wahrscheinlich verschiedene Rangstufen aufwies und über mehrere Generationen Bestand hatte. Der abgegrenzte Raum ist mit hoher Wahrscheinlichkeit identisch mit dem engeren Siedlungs-, Wirtschafts- und Ritualbereich der „Herren von Seddin“. Der Raum ist deshalb Gegenstand und Schaufenster internationaler archäologischer Forschung.

Entwurf: Archäologischer Park Seddin, Grafik: K. Richter, uDB/LK Prignitzzoom

Der reiche Bestand an obertägig sichtbaren Bodendenkmalen aus der Bronzezeit besitzt in Seddin einen besonderen Demonstrations-, Anschauungs- und Erlebniswert. Er trägt zum Verständnis einer Kulturlandschaft bei, deren Wurzeln in der Bronzezeit liegen. Die Entwicklungen und Diskussionen der letzten Jahre haben die unschätzbare identitätsstiftende Wirkung des „Königsgrabes“ von Seddin für die Prignitzer und Brandenburger Bevölkerung eindrucksvoll dokumentiert. Deshalb wird die archäologische, museale und touristische Erschließung des „Archäologischen Parks Seddin“ als zentrales Bindeglied des Projektes der „Zentralen Archäologischen Orte in der Prignitz“ fortgesetzt. Dies erfolgt im Rahmen der bewährten Kooperation von Denkmalfachbehörde, Landkreis Prignitz und Gemeinde Groß Pankow.

Archäologische Forschungen einerseits und Vermittlung von Landesgeschichte und kultureller Identität andererseits sind im Umfeld des „Königsgrabes“ von Seddin in besonderem Maße auf einen intakten und gut bewahrten Bestand an bekannten und vermuteten Bodendenkmalen angewiesen. In Auseinandersetzung und Wechselwirkung mit den Herausforderungen des 21. Jh. bedürfen Forschung und Vermittlung in Seddin eines besonders geschützten Raumes. Deshalb soll hier in Kürze das erste "Grabungsschutzgebiet“ des Landes Brandenburg eingerichtet werden.

© Landkreis Prignitz